Dr. Cordula Tollmien Emmy Noether Rezeptionsgeschichte Göttingen

Öffentliche Würdigung von
Emmy Noether in Göttingen

1978: Seit 1978 gibt es in Göttingen auch für Emmy Noether eine der Gedenktafeln, die traditionell immer an einem der ehemaligen Wohnhäser von Personen angebracht werden, die sich um die Wissenschaft oder die Stadt Göttingen verdient gemacht haben. Den Antrag für diese Tafel hatte der Fachbereich Mathematik der Universität Göttingen gestellt (zugleich mit einem Antrag für Richard Courant und Hermann Weyl), allerdings nicht auf eigene Initiative, sondern auf eine an alle Fakultäten ergangene Aufforderung des Stadtarchivs Göttingen, doch bitte wieder einmal Namen für mögliche Gedenktafeln zu nennen.

Gedenktafel für Emmy Noether am Haus Stegemühlenweg 51
(Fotos Benno Artmann)


Auf den Tafeln angegeben wird immer jeweils der Zeitraum, in dem die betreffende Person in dem Haus gewohnt hat. Die Tafel für Emmy Noether befindet sich an ihrem letzten Wohnort im Stegemülenweg 51. Dort aber hat Emmy Noether faktisch nur ein Jahr ihres Lebens gewohnt hat, anders als die eingravierten Jahreszahlen suggerieren. Denn Emmy Noether musste Göttingen schon im Oktober 1933 verlassen. Sie war zwar im Sommer 1934 noch einmal für ein paar Wochen in Göttingen, aber nur um ihre Wohnung aufzulösen und sich abzumelden. Man hat die Zahlen auf der Tafel also einfach von der Einwohnermeldekarte übernommen.
Wenn eine Person wie Emmy Noether mehrfach umgezogen ist, dann kann natürlich die Gedenktafel an verschiedenen Wohnhäusern angebracht werden. In der Regel wählt man das Haus, in dem die zu ehrende Person am längsten gewohnt hat, das wäre in Göttingen der Friedländerweg 57 gewesen, in dem Emmy Noether von 1922 bis 1932 gewohnt hat, also immerhin 10 Jahre. Dieses Haus Friedländer Weg 57 gehörte seit 1932 einer Studentenverbindung, der Thuringia, und diese hatte damals 1932 Emmy Noether zum Umzug gezwungen, weil man nicht mit einer "marxistischen Jüdin" unter einem Dach leben wollte. Es wäre daher nicht nur vom Länge des Zeitraum her, sondern auch als nachträgliche Wiedergutmachung geboten gewesen, die Gedenktafel für Emmy Noether an dem Haus anzubringen, aus dem man sie schon 1932, ein Jahr vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, innerhalb Göttingens vertrieben hat. Dem Aktenvorgang über die Gedenktafelanbringung kann man entnehmen, dass man 1977 diese Alternative aus unverständlichen Gründen gar nicht erwogen hat.

Statt der bei der Enthüllung der Tafeln sonst üblichen kleinen Feiern vor dem Haus, fand am 8. November 1978 ein Gedenkkolloquium im Mathematischen Institut der Universität Göttingen statt, auf dem Max Deuring, einer ihrer Schüler, über Emmy Noether sprach.

Die Göttinger Öffentlichkeit erfuhr von der Anbringung der Gedenktafel und dem Kolloquium allerdings so gut wie gar nichts, da das Göttinger Tageblatt nur in einer kurzen Notiz darüber berichtete, die kein Foto von Gedenktafel für Emmy Noether, sondern nur von der zum gleichen Zeitpunkt angebrachten Tafel für Lou Andreas Salome zeigt (GT 6. Juni 1978). So kam es, dass die Tafel für Emmy Noether am Haus Stegemühlenweg 51 bis heute in Göttingen relativ unbekannt geblieben ist. So gibt es im Stadtarchiv Göttingen einen Brief des amerikanischen Mathematikers Paul Wolfson an David Rowe (damals Göttingen, heute Mainz) vom 19. Juli 1989, der von 22 amerikanischen Mathematiker(innen) unterschrieben wurde und in dem sie nach ihrem Besuch in Göttingen eine Gedenktafel an einem der Göttinger Häuser für Emmy Noether fordern.

1982: 1982 an ihrem Hundersten Geburtstag wurde Emmy Noether in Göttingen fast vollständig ignoriert. Es gab keine offizielle Würdigung der Universität, keine des Fachbereichs , keine der Stadt. Lediglich in der Deutschen Universitätszeitung (früher "Göttinger Universitätszeitung") erschien in der Rubrik "Zeitgeschichte Frauenstudium" ein kleiner Artikel von Bärbel Clemens (einer Nichtmathematikerin, die über die Frauenbewegung auf Emmy Noether gestoßen war). Der Artikel erschien unter dem Titel: Eine "bemerkenswerte" Karriere. Vor hundert Jahren wurde Emmy Noether geboren.

1984/85: 1984 wurde die ehemalige Hausmeisterwohnung im Keller des Mathematischen Instituts auf Vorschlag des englischen Mathematikers Samuel Patterson, der seit 1981 am Mathematischen Institut in Göttingen war, in einen Gesellschaftsraum umgewandelt und der amerikanische Mathematiker John McCleary, der 1984/85 für ein Forschungssemester in Göttingen war, machte den Vorschlag, den Raum nach Emmy Noether zu benennen. Larry Smith brachte den Vorschlag im Mathematischen Institut ein und dieser wurde dann auch realisiert. Ein von John McCleary gestaltetes Fotoportrait von Emmy Noether wurde in dem Raum aufgehängt, so dass sie seit dem tatsächlich für die nachfolgenden Mathematiker(innen)generationen am Göttinger Institut als Person präsent ist. Dass der Vorschlag zur Benennung dieses Raumes von "außen" kam, dass diese Angelegenheit in erster Linie von am Göttinger Institut tätigen amerikanischen Mathematikern vorangetrieben wurde, ist angesichts der Tatsache, dass man in Göttingen Emmy Noether bis zu diesem Zeitpunkt fast vollständig vergessen zu haben schien, nicht verwunderlich. Vergleiche im Gegensatz dazu die intensive, auch außermathemtische Rezeption von Emmy Noether in den USA

   

Nach Emmy Noether benannter Gesellschaftsraum im Keller des Mathematischen Instituts Göttingen

Das Foto, das damals im Gesellschaftsraum des Mathematischen Institut aufgehängt wurde, schmückt inzwischen die Navigationsleiste der Personalseite auf der Homepage der Mathematischen Fakultät Göttingen.

1985: 1985 benannte die Stadt Göttingen ein ganzes Neubaugebiet nördlich von Weende nach bekannten Göttinger Mathematikern und Naturwissenschaftlern. Dabei fiel auch ein Weg für Emmy Noether ab, der allerdings so klein ist, dass er auf einem Göttinger Stadtplan nur mit einer Nummer bezeichnet werden konnte, weil der Name "Emmy-Noether-Weg" zu lang ist, um ausgeschrieben werden zu können.

1987: 1987 zum 250-jährigen Jubiläm der Universität Göttingen gab es mehrere Ausstellungen, an denen auch die Göttinger Mathematiker mitwirkten. So beispielsweise eine Ausstellung in der Commerzbank über "Göttingen - ein Zentrum der Mathematik" mit Biographien der bedeutendsten Mathematiker, die in Göttingen gearbeitet hatten, darunter natürlich Friedrich Gauß und Bernhard Riemann, aber auch Felix Bernstein und Emmy Noether. Auch die verheerenden Folgen der Vertreibung 1933 wurden auf einem der für die Besucher zum Mitnehmen bereitliegenden sehr informativen Flugblätter geschildert. An der allgemeinen Ausstellung über die Geschichte der Universität, die im Auditorium Maximum am Weender Tor gezeigt wurde, beteiligten sich die Mathematiker ebenfalls, u.a. mit einer Tafel über die Vertreibung von Richard Courant, Emmy Noether und Hermann Weyl. Diese Tafel wurde später im Keller des Mathematischen Instituts aufgehängt.

Tafel im Keller des Mathematischen Instituts aus der Ausstellung zum 250-jährigen Bestehen der Universität Göttingen 1987 im Auditorium Maximum

1987/89: 1987 gelangten die 1933 vertriebenen Professoren insgesamt stärker in den Aufmerksamkeitsfokus, nachdem zum 250. Universitätsjubiläum ein außerhalb der Universität entstandener Band über die Geschichte der Universität und der einzelnen Fächer während der Zeit des Nationalsozialismus erschienen war. Am 18. Mai 1989, am Tag der Bekanntgabe des Rücktritts von James Franck von seinem Lehrstuhl, wurde dann eine Ehrentafel mit den Namen aller vertriebenen Hochschullehrer an der Aula der Universität enthüllt.

Abbildung und Text stammen aus:
Exodus Professorum, Göttinger Universitätsreden Nr. 86, Göttingen, 1989, S. 14 f.

Die auf der Tafel aufgeführten Namen beruhen auf den in dem von Hans-Joachim Dahms und anderen herausgebenen Band über die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus (erschienen im K. G. Saur Verlag München, 1. Auflage 1987, 2. erweiterte Auflage 1998) veröffentlichten Listen. In diesem Band gibt es einen Beitrag von Norbert Schappacher über das Mathematische Institut, in dem auch ein paar Sätze über Emmy Noether zu finden waren. Die ursprüngliche Langfassung dieses Beitrags hat Schappacher im Jahr 2000 mit ein paar aktuellen Ergänzungen und Korrekturen im Internet veröffentlicht. Ursprünglich war es dieser Beitrag von Norbert Schappacher, der mir schon seit 1983 auch in der Langfassung vorlag, der mich erstmals auf Emmy Noether aufmerksam machte. In die von Schappacher 2000 veröffentlichte Fassung sind allerdings nun wiederum schon einige auf meine 1990 erstmals veröffentlichten Forschungen zurückgehende Erkenntnisse eingearbeitet. So schließt sich der Kreis.

1990: 1988 wurde beim Niedersächsischen Minister für Wissenschaft und Kunst ein Projekt angesiedelt, das unter dem Titel "Lebensbilder niedersächsischer Frauen in der Geschichte" in eine Buchveröffentlichung münden sollte (später erschienen als: Frauenwelten. Biographisch-historische Skizzen aus Niedersachsen (hg. von Angela Dinghaus) Olms Verlag Hildesheim 1993) - ein für das Ende der 1980er Jahre typisches Projekt, wie es vielerorts ähnlich realisiert wurde. Ich war als Beiträgerin über eine Mündener Sozialdemokratin (Sophie Werzeiko) daran beteiligt und stellte bei der Durchsicht des geplanten Inhaltsverzeichnisses fest, dass wieder einmal Emmy Noether fehlte. Ehrlich war ich damals einfach wütend und habe dann als, ich erfuhr, dass tatsächlich kein Beitrag über sie geplant sei und die Projektleiterin, die natürlich auch noch nie von Emmy Noether gehört hatte, auch keine andere potentielle Bearbeiterin kannte, den verhängnisvollen Satz gesagt: "Dann mache ich es eben selbst". Das Ergebnis ist, dass ich mich noch heute – 16 Jahre später - mit Emmy Noether beschäftige.
Die Ergebnisse meiner Forschungen – intensive Quellenstudien vor allem zum Habilitationverfahren Emmy Noethers in Göttingen - waren so umfangreich, dass ich einen ersten Artikel über Emmy Noether zunächst nicht in dem geplanten Sammelband, sondern im Jahrbuch des Göttinger Geschichtsvereins veröffentlichte, ein zwar für Mathematiker etwas abseitiger Ort, aber nicht für die sonstige historisch interessierte Göttinger Öffentlichkeit, der Emmy Noether auf diese Weise wahrscheinlich zum ersten Mal begegnet ist: "Sind wir doch der Meinung, ... – der 1990 erschienene Aufsatz im Faksimile.

1993: Auf Initiative von Traudel Weber-Reich entstand dann 1991 auch auf Göttinger Ebene ein biographisches Projekt zu Frauen in Göttingen, das sogar zu einer echten von der Stadt finanzierten Projektstelle führte. 1993 erschien als Ergebnis dieser von insgesamt 18 Autorinnen und einem Autor betriebenen Spurensuche im Wallsteinverlag das inzwischen in 4. Auflage vorliegende Buch: Des Kennenlernens werth – Bedeutende Frauen Göttingens (hg. von Traudel Weber-Reich) mit einem Beitrag von mir über Emmy Noether, und dieses Buch machte Emmy Noether in Göttingen dann wirklich bekannt, zumindest bei den interessierten Frauen.

1990 ff.: Als Folge meines Aufsatzes im Göttinger Jahrbuch 1990 und noch einmal verstärkt 1993 nach Erscheinen des Buches über die bedeutenden Frauen in Göttingen erfolgten in Göttingen eine Reihe von Aktivitäten um Gedenken an Emmy Noether:
Nicht lange nach einem Vortrag, den ich auf Einladung einiger engagierter Mathematikstudentinnen innerhalb einer Kolloquiumsreihe über "Frauen und Geschichte in der Mathematik" im Mai 1993 im kleinen Hörsaal 4 des Mathematischen Institut hielt, wurde endlich ein Bild von Emmy Noether im Vorraum des Instituts aufgehängt.

Mathematisches Institut der Universität Göttingen, Emmy Noether mit Werbung für Kriegsdienstverweigerung, um 1994, Foto Elisabeth Mühlhausen

Anderes war allerdings nicht durchsetzbar: Schon 1990 hatte ich eine erste Initiative unternommen, um das Hainberggymnasium, das einzige Göttinger Gymnasium, das nicht nach einer Person, sondern nach seinem Standort benannt ist, in Emmy-Noether-Gymnasium umzubenennen – angesichts der Tatsache, dass in Göttingen die meisten Gymnasien, auch dann wenn sie nicht naturwissenschaftlich ausgerichtet sind, nach Naturwissenschaftlern oder Mathematikern heißen (Max-Planck-Gymnasium, Otto-Hahn-Gymnasium, Felix-Klein-Gymnasium), eine sehr naheliegende Idee. Die Initiative verlief zunächst im Sande und wurde dann nach der Präsentation des Buches über die bedeutenden Frauen Göttingens im November 1993 noch einmal von der städtischen Frauenbeauftragen aufgenommen. Doch der damalie Schulleiter lehnte eine Umbenennung grundsätzlich und kategorisch ab und ließ ohne mit mir Kontakt aufzunehmen und ohne dass ich Gelegenheit erhielt, dem Kollegium mein Anliegen zu erklären, das Kollegium über den Vorschlag abstimmen und dieses stimmte – wie nicht unter diesen Umständen nicht anders zu erwarten – gegen den Vorschlag.

1997/2001: Ursula Brechtken-Manderscheid vom mathematischen Institut der Universität Würzburg hat 1997 eine Ausstellung über Emmy Noether konzipiert, die zu einem großen Teil auf dem 1990 erschienenen grundlegenden Aufsatz von Cordula Tollmien und dort erstmals publizierten Quellen beruht. Die Ausstellung kann ausgeliehen werden. Sie wurde 2001 auch in Göttingen gezeigt.

2001: "Im Gedenken an die große Mathematikerin Emmy Noether" rief die Mathematische Fakultät in Göttingen im Jahre 2001 eine nach Emmy Noether benannte Gastprofessur ins Leben. Jedes Jahr wird eine herausragende Mathematikerin für drei bis vier Wochen nach Göttingen eingeladen, um hier als Emmy-Noether-Professorin eines ihrer aktuellen Forschungsgebiete vorzustellen.

2001 f.: Inzwischen steht selbstverständlich auch ein Lebenslauf von Emmy Noether auf der Seite der Fakultät.

2005: Selbstverständlich wurde am 15. April 2005 des 70. Todestages von Emmy Noether auch in der Lokalpresse gedacht.

Hessisch Niedersächsische Allgemeine,
Blick nach Göttingen, 15. April 2005

Würdigungen in Deutschland

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